Bentley Continental R – das neue Selbstbewusstsein einer legendären Marke

2019 konnte die Marke Bentley auf eine hundertjährige Geschichte zurückschauen und diese Geschichte weist auf mehrere Le-Mans-Siege und viele legendäre Modelle auf. Bereits 1931 wurde der Hersteller der berühmten Blower Bentley von Rolls-Royce übernommen und in seiner Eigenständigkeit beschnitten. Zu Beginn der Achtzigerjahre wiesen nur noch gerade fünf Prozent aller Autos, die bei Rolls-Royce/Bentley produziert wurden, ein Bentley-Markenzeichen auf, die Marke geriet fast in Vergessenheit.

Der legendäre Vorfahre +

Während die meisten Bentleys, die nach dem Zweiten Weltkrieg gebaut wurden, weitgehend parallel hergestellten Rolls-Royce-Modellen entsprachen, gab es trotzdem einige wichtige Ausnahmen. So konnten Karosseriebauer in den Vierziger- und Fünfzigerjahren ihre eigenen Kreationen auf die Bentley-Fahrgestelle montieren und die Kunden schätzten die Individualität dieser Pininfarina-, Franay-, Graber- oder Hooper-Einzelstücke denn auch. Dies erkannte auch das Werk und es bot ab 1952 den Bentley R-Type Continental mit Mulliner-Coupé-Karosserie ab Werk an. Dieser elegante Fastback-Granturismo wurden von 1952 bis 1955 208 mal gebaut. 150 PS leistete der Motor, der das fast 1,8 Tonnen schwere Coupé auf über 180 km/h beschleunigen konnte und mit dem Benzin trotzdem vergleichweise sparsam umging (rund 14 Liter pro 100 km). Der Preis war allerdings hoch, die geforderten CHF 75’000 oder £ 7600 reichten auch für eine elegante Villa mit Seeanstoss damals.

Vom Versuch zur Weltpremiere +

Am Genfer Autosalon im März 1985 stand auf dem Bentley-Stand das “Project 90”, ein von John Heffernan und Ken Greenley entworfene Studie mit 534 cm Länge und 190 cm Breite. Optisch überzeugte dieses Konzeptfahrzeug die Beobachter zwar nicht so ganz, aber sie weckte auf jeden Fall die Lust auf ein eigenständiges Bentley-Modell.

Sechs Jahre später stand dann der Prototyp des Bentley Continental R zur Überraschung aller auf dem Genfer Autosalon. Man hatte die Premiere eigentlich erst für 1992 erwartet, doch Absatzprobleme (vor allem in den USA) hatten die Firma gezwungen, die Lancierung vorzuziehen.  Am selben Genfer Autosalon 1991 wurde übrigens auch die Mercedes-Benz S-Klasse (W140) vorgestellt, doch stand diese Premiere ein wenig im Schatten des unerwarteten neuen Bentleys.

Viel Applaus +

Der neue Entwurf von John Heffernan und Ken Greenley, die übrigens auch den Aston Martin Virage gezeichnet hatten, überzeugte die Kritiker. Trotz monumentaler Dimensionen (Länge 534,2 cm, Breite 187 cm, Höhe 146.2 cm) wirkte der Wagen elegant und deutlich weniger ausladend, als es die Abmessungen erahnen liessen.

Sogar der cW-Wert liess sich sehen, denn mit 0,385 war er auf der Höhe seiner Zeit. Auf den erwarteten Vierventil-Bentley-Motor musste der “Continental R”, der mit seinem Namen klare Linien zurück zum Fünfzigerjahre-Contintential zog, allerdings noch verzichten.

Viel Gewicht +

Nach der Präsentation verging noch rund ein Jahr, bis die ersten Continental R ausgeliefert werden konnten. An den Spezifikationen hatte sich kaum noch etwas verändert. Um dem immerhin rund 2,4 Tonnen schweren Coupé zu konkurrenzfähigen Fahrleistungen zu verhelfen, hatte man die Leistung des Turbo-R-Motors um 10 Prozent gesteigert. Rund 320 PS sorgten für kraftvollen Vortrieb, das Werk versprach eine Beschleunigungszeit von 6,6 Sekunden für den Spurt von 0 bis 60 Meilen pro Stunde (96 km/h).

Mit einem Preis von DM 462’387 oder CHF 376’850 richtete sich das Coupé ganz klar an Superreiche, die dafür ein stilgerecht ausgestattetes Cockpit und bewährte Bentley-Technik erhielten. Erstmals wurden die Gänge der Viergang-Automatik (von GM) über einen Hebel auf der Mittelkonsole gewechselt und auch an elektrischen Helferlein war der Bentley nicht arm.

Das Fahrwerk wies vorne Einzelradaufhängungen mit Doppelquerlenkern und hinten einzeln aufgehängte Räder an Schräglenkern mit hydropneumatischen Feder-Dämpferbeinen auf. Elektronisch gesteuert sollte das Coupé so den Spagat zwischen Sportlichkeit und Komfort schaffen.

Die Geschichte des 6,75 Liter grossen Leichtmetall-V8-Motors mit zentraler Nockenwelle reichten bis in die Sechzigerjahre zurück, mit Garrett-Turbolader und Bosch-KE-Motronic-Einspritzung könnte man allerdings problemlos zeitgemässe Leistungsfähigkeit mit der geforderten Umweltfreundlichkeit verknüpfen.

Sportwagen mit Luxusgenen +

Natürlich liessen es sich die Automobil-Zeitschriften nicht nehmen, das schnelle Bentley-Coupé zu testen. Ganz so schnell wie versprochen zeigte sich der Wagen allerdings nicht. Im Juni 1992 stoppten die Automobil Revue 8,3 Sekunden für den Sport von 0 bis 100 km/h, als Höchstgeschwindigkeit wurden “über 240 km/h” dokumentiert. Der Verbrauch pendelte sich nach den Test- und Messfahrten bei 16,8 Litern pro 100 km ein, nicht schlecht für ein vollgeladen 2,8 Tonnen schweres Coupé.

Als “Tourer für die grosse Reise” charakterisierten die AR-Tester den Wagen, kritisierten dabei allerdings eine Verhärtung der Federung auf deutschen Autobahnen. Generell schien der Kompromiss zwischen Sportlichkeit und Komfort nicht ganz geglückt zu sein, man hätte gerne selber in die Elektronik eingegriffen.

An den Platzverhältnissen gab es dafür wenig zu bemängeln und die Ausgestaltung der Inneneinrichtung überzeugte sowieso. So lautete denn auch das AR-Fazit:
“Mit dem neuen Continental R gewinnt die Marke Bentley einen schönen Teil der gewünschten Eigenständigkeit zurück, auf den sie in den vergangenen drei Jahrzehnten hatte verzichten müssen. Das neue Luxus-Coupe markiert demzufolge einen Neubeginn, der nicht nur viel verspricht, sondern für später noch mehr erwarten!”

Auch Wolfgang König von AMS setzte sich in das Bentley-Coupé, das sogar die Limousine in der Länge noch etwas überragte. Auch er kritisierte den Fahrkomfort, wenn sich die Federung auf sportlich einstellte. Insgesamt zog aber auch er ein positives Fazit:
“Im Normalfall zeigt sich der Bentley schon straff genug, wenn auch noch ausreichend komfortabel, und überrascht, wie schon die Limousine, mit unvermuteter Handlichkeit. Bleibt noch die Kardinalfrage. Kann ein solches Auto überhaupt 460’000 Mark wert sein? Für Continental-Fahrer – mehr als 500 haben ihre Bestellung angeblich bereits abgegeben – kein Problem: Die Frage stellt sich nicht.”

Einige Jahre später, nämlich im Jahr 1996, stellte die “Motor Revue” den Continental R dem nicht einmal halb so teuren Mercedes-Benz 600 SEC gegenüber, welcher zwar auch viel Holz und Leder bemühte, um stilvoll zu sein, es trotzdem aber gegen den Bentley schwer hatte. Natürlich war der Mercedes-Benz das technisch modernere Auto, trotzdem konnte er dem Bentley in mancher Hinsicht nicht das Wasser reichen, zumal sein Styling nicht auf grosse Gegenliebe stiess.

“Das Tüpfelchen auf dem i ist der Blick über die Motorhaube. Beim Mercedes sieht man das gleiche wie bei allen Autos: fast nichts. Der Bentley dagegen trägt eine spitz zulaufende Haube wie in alten Zeiten, unendlich lang, ein Symbol der Kraft, die darunter schlummert,” erklärte Götz Leyrer in seinem Vergleichstest und resümierte:
“Bentley-Fahren ist eine Sache der Überzeugung. Man muß großzügig sein gegenüber gewissen Schwächen, kann nicht die absolute Perfektion erwarten und darf  sich auch darüber ärgern, dass ihm sogar eines dieser hässlichen Lenkräder verpasst wurde, in deren Nabe sich ein Airbag verbirgt. Wer das perfekte Auto will, kauft bei Mercedes. Und er lässt die aufdringlichen Schriftzüge weg. Das ist dann schon ein erster Schritt auf einem Weg, der möglicherweise beim Bentley endet.”

Es ging noch schneller +

1996 lancierte Bentley den Continental T mit etwas gekürztem Radstand und auf 400 PS gesteigerter Leistung. Später wurden sogar 426 PS daraus Mit DM 500’000 oder CHF 421’200 war der Continental T nochmals teurer geworden, aber er schaffte nun auch den Spurt von 0 bis 100 km/h in 6,6 Sekunden, ohne die Benzinrechnung wesentlich stärker zu belasten als der “R”.

Erfolgreiche Rarität +

1854 Bentley Continental R, S und T wurden von 1991 bis 2003 gebaut, das Gros ging auf die R-Variante, von der es auch mehrere Sondermodelle gab, während der Continental T nur 350 mal gebaut wurde. Dazu kamen noch 79 Continental SC-Modelle, eine Sedanca-Variante des Coupés.

“Gentleman Gleiter” +

Der Bentley Continental R ist längst ein Klassiker, auch wenn noch keiner davon über das Youngtimer-Alter herauskam. Wer sich in das mit viel angenehmem Leder und schön verarbeitetem Holz (aus Kalifornien) setzt, fühlt sich sofort wohl und hat keine Mühe, dem Alltag zu entfliehen. Gestartet wird der Motor mit Zündschlüssel links vom Lenkrad, der Wahlhebel der Vierstufenautomatik will angehoben werden, damit man eine Fahrstufe vorwählen kann.

Bentley Continental R +

Der Bentley Continental R ist ein Gleiter erster Güte, kaum jemand käme auf die Idee, damit um Kurven räubern zu wollen. So gesehen erübrigt sich auch die S-Stufe auf dem Automatikwahlhebel, diese produziert nur mehr Hektik. Solange man es locker angehen lässt, bleibt auch die Federung komfortabel. Die Rundumsicht ist hervorragend und lässt den Wagen kompakter erscheinen, als er es ist. Dazu trägt auch die stark unterstützende Servolenkung bei.

Gastautor: Bruon von Rotz
Bilder und Video: Michael Klauser

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