Jaguar XK 120

Jaguar XK 120 - die Sportwagen-Sensation für den Genuss ohne Reue


Text Gastautor: Bruno von Rotz
Fotos: Daniel Reinhard (44) – Archiv Bernhard Brägger (1) – Bruno von Rotz (1) – Archiv (26)


Man hatte schon eine Weile über einen neuen Jaguar Sportwagen gemunkelt, als er in London Ende Oktober 1948 präsentiert wurde. Schliesslich hallte dem dem Vorgänger S.S. 100 ein guter Ruf nach und von der Firma Jaguar erwartete man einen Nachfolger.

Jaguar XK 120 Super Sport
Jaguar XK 120 Super Sport (1948) - der Super Sport kostete 988 Pfund vor Steuern © Zwischengas Archiv

Die Automobil Revue begrüsste den neuen Sportwagen mit der gebotenen Vorsicht: “Eine wirkliche Sensation ist der neue Jaguar-Sportwagen, dessen technische Merkmale weit über dem heute verhältnismässig bescheidenen Preis von 988 Pfund Sterling, also gleich viel wie die Limousine, zu liegen scheinen. Ein Zweisitzer mit 160 PS und einer bestechend schönen Karosserie ist heute für die Summe vorteilhaft zu nennen, wenn er den Erwartungen entspricht. Das Fahrgestell des Sporttyps gleicht demjenigen des neuen Jaguar Mark V mit Torsionsstabfederung vorn und tiefgekröpftem Chassis.”

Man sprach zunächst noch von einem Zweilitermotor, der in ähnlicher Ausprägung ja bereits seine Feuerprobe in Lt. Col. Goldie Gardners Rekordwagen bestanden hatte. Das Auto dazu sollte XK 100 heissen, ging aber nie in Serie.

Jaguar XK 120 Super Sport (1948)
Jaguar XK 120 Super Sport (1948) - elegante Linienführung © Zwischengas Archiv

Aber der in London präsentierte XK 120 hatte bereits den neuen Reihen-Sechszylinder im Bug, der Jaguar noch über Jahrzehnte begleiten sollte. Man rechnete mit etwa 200 Exemplaren die man vom XK 120 zu verkaufen erwartete, nicht zuletzt, um den neuen Motor zu testen. Doch die Nachfrage war deutlich grösser als erwartet - produziert wurden nämlich bis 1954 12'055 Exemplare. Und dies hatte verständliche Gründe.

Ein Motor mit Zukunft

Der Herzstück des neuen Sportwagens war der 3,4-Liter-Motor mit zwei obenliegenden Nockenwellen und zwei SU-Vergasern. 160 PS bei 5200 Umdrehungen leistete das Aggregat, das noch bis in die Neunzigerjahre in diversen Jaguar-Modellen Dienst leisten sollte.

Jaguar XK 120 S.E. (1955)
Jaguar XK 120 S.E. (1955) - der Sechszylinder entwickelt im Special Equipment Modell 180 PS © Zwischengas Archiv

Die schräg hängenden Ventile waren in einem Aluminium-Zylinderkopf untergebracht, die Nockenwellen wurden über Ketten angetrieben. Die Kraft wurde über ein Vierganggetriebe an die Hinterachse geführt.

Schön, schöner, am schönsten

Den Salonbesuchern mehr aufgefallen als der Motor war aber die geradezu hinreissende Karosserie, die man in aller Eile für den Sportwagen gezeichnet hatte. Die Prototypen wie auch die ersten rund 200 Serienexemplare wurden mit Aluminumblechen über einen Eschenholzrahmen beplankt, später ging man vor allem aus Kosten und Kapazitätsgründen zu einer Ganzstahlkarosserie über, die sich optisch aber kaum vom Vorgänger unterschied.

Jaguar XK 120 (1952)
Jaguar XK 120 (1952) - in seiner schönsten Form © Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Fliessende Linien, integrierte Scheinwerfer, eine tiefe Gürtellinie mit rund auslaufendem Heck und ein weit hinten und tief integriertes Passagierabteil kennzeichneten den meisterlich Wurf. Neben anderen Neuheiten wie einem MG TC, einem Panhard-Dyna oder einem Talbot-Lago Baby muss der Jaguar damals wie ein Auto von einem anderen Stern gewirkt haben.

Schnell und noch schneller

Aber der Jaguar XK 120 war nicht nur schön, er war auch schnell. Die angepeilte Höchstgeschwindigkeit von 120 Meilen pro Stunde (daher die Fahrzeugbezeichnung) schaffte er problemlos, aber es ging auch noch schneller. Mit Verdeck fuhr ein Testwagen in Jabbeke 203 km/h, ohne Dach und Windschutzscheibe wurden sogar 214 km/h erreicht. Bei einem 24-Stunden-Dauerlauf in Montlhéry schafften Leslie Johnson und Stirling Moss 1950 im Schnitt 173 km/h inklusive aller Tankstopps und Fahrerwechsel.

1951 gelang Johnson ein Einstundensprint mit einem Schnitt von 212 km/h. Im Jahr 1952 setzten Moss und Johnson dann in einem Coupé noch einen drauf und fuhren während sieben Tagen neue Rekorde über verschiedene Distanzen bis 25’000 km ein. Viel eindrücklicher konnte die Zuverlässigkeit des Wagens nicht demonstriert werden.

Erfolgreich im Rennsport

Natürlich wollte William Lyons seine Autos auch im Rennsport siegen sehen. 1950 gewannen die Engländer Appleyard ohne Strafpunkte in ihrer Hubraumklasse an der 13. französischen Alpensternfahrt, dazu kamen diverse Spezialpreise und natürlich der Alpenpokal.

Jaguar XK 120 (1949)
Jaguar XK 120 (1949) - Das Ehepaar Appleyard an der Rallye des Alpes 1950 © Archiv Automobil Revue

In Le Mans hätten Leslie Johnson und Bert Hadley im Jahr 1950 beinahe eine Sensation produziert, als sie gegen Ende des Rennens Jagd auf die beiden führenden Talbot machten. Doch in der 21. Stunde stellte die Kupplung ihren Dienst ein, was einen Ausfall zur Folge hatte.

Der Sieg folgte dann im Jahr darauf, dann allerdings im Jaguar C-Type, der ja bekanntlich auf dem XK 120 basierte. Als Trost für den Misserfolg in Le Mans von 1950 dienten sicherlich Siege beim Marathon de la Route, bei der Akropolis Rallye, beim Tulpenrallye und bei der RAC-Rallye.

Preiswert

Der Jaguar XK 120 war ein Preisknüller! In Grossbritannien wurde er für unter 1000 britische Pfund angeboten, in der Schweiz kostete er 1952 19’450 Franken. Das war zwar viel Geld, schliesslich kostete ein Käfer knapp ein Drittel davon, aber die Konkurrenz in Form des Mercedes 220 Cabriolet B war teurer (CHF 21’750) oder kaum günstiger wie der Porsche 356 als 1,3-Liter-Cabriolet (CHF 17’160), aber substantiell langsamer!

Genug für alle - Gelobt und geliebt

Kein Wunder liebten ihn die Testfahrer der ersten Stunde. Und man muss sich vor Augen halten, dass Ende der Vierzigerjahre der Massstab auch ein ganz anderer war. Die Zeitschrift “The Motor” war eine der ersten, die sich hinter das Lenkrad eines Serienfahrzeugs setzen konnte: “Der Jaguar XK 120 bewies sich kürzlich als das schnellste Modell, das wir je einem Strassentest unterzogen haben. Der Wagen beschleunigte, ausgerüstet mit Verdeck, in 44.6 Sekunden auf 100 Meilen pro Stunde (161 km/h). Dies verdient allerdings besondere Beachtung, denn es muss erwähnt werden, dass hierzu im vierten Gang aus dem Stand beschleunigt wurde und somit deutlich schnellere Zeiten möglich sind, wenn man die Gänge durchschaltet.”

Jaguar XK 120 (1950)
Jaguar XK 120 (1950) - an der British Auto Show von 1950 © Zwischengas Archiv

Die enorme Elastizität und Bedienungsfreundlichkeit des Doppelnockenwellen-Motors zieht sich denn auch durch alle damaligen Testberichte. Der “Motor” XK 120 beschleunigte in zehn Sekunden auf 60 MPH (96 km/h und lief 124,6 MPH (200,5 km/h) schnell - sensationell für jene Zeit, zumindest in dem Preissegment.

Was die Testfahrer aber fast noch mehr überzeugte, war die Tatsache, dass der Jaguar keine hohen Ansprüche an den Fahrer setzte und dass man sozusagen jeden Mann oder jede Frau von der Strasse in den XK 120 setzen konnte, ohne sich Gedanken über dessen Gesundheit machen zu müssen. “Der Motor ist überhaupt nicht nervös, seine Beherrschung erfordert keinerlei besondere Eignung, wenn man von dem für hohe Geschwindigkeiten unabdingbarem guten Reaktionsvermögen absehen will”, stand in der deutschen Zeitschrift “das Auto” im Jahre 1951.

“Den flachen Bogen in der langen Uferstrasse am Genfer See nahm ich mit leicht zusammengebissenen Zähnen und gut 150 km/st - als ich ohne jede seitliche Bewegung des XK 120 hindurch war, wusste ich, dass im Wagen mehr Möglichkeiten stecken als im Fahrer”, schrieb H. U. W. als Resümee seines kurzen Fahrversuchs anlässlich des Genfer Autosalons.

Gelobt wurden in den damaligen Artikeln auch das Fahrwerk und die “schnellen Bremsen”. Kritisiert wurden teilweise die Sitzposition und der fehlende Seitenhalt der Sitze, während der Komfort für den Beifahrer, der dem des Fahrers in nichts nachstand, positiv bewertet wurde.

Auch die Automobil Revue konnte dem neuen Sportwagen viel Positives abgewinnen: “Mit diesem Sportwagen hat die Marke Jaguar ein bemerkenswertes Fahrzeug von höchstem propagandistischem Wert geschaffen, das eine heute einzigartige Kombination von Eleganz der Linie, höchster Fahrleistung, einfacher Bedienung, guten Fahreigenschaften und günstigem Preis bietet.”

Evolution bis zur Revolution

Der XK wurde stetig weiterentwickelt. Schon 1952 stellte man der 160-PS-Variante eine stärkere Version mit 180 PS zur Seite. Karosserieseitig gab es bereits eine geschlossene Coupé-Version und ab 1953 ein Cabriolet mit aufliegendem Dach. Im Herbst 1954 folgte der XK 140 mit nun 190 PS und modifiziertem Cockpit, im Mai 1957 schliesslich erschien die letzte Inkarnation des XK-Sportwagens, er hiess XK 150 und tat mit mehr Innenraum und Hubraum vor allem den amerikanischen Komfortansprüchen Genüge. Abgelöst wurde er dann 1961 vom Jaguar E-Type, der zurecht als Jaguar-Boss Lyons' dritte Sportwagensensation gilt.

Genuss für alle Sinne

Die Fahrt in einem Jaguar XK 120 gehört gemäss vieler Bücher zu einem der Dinge, die man einmal in seinem Leben erfahren sollte. Die elegante Schönheit der Karosserie beeindruckt auch heute noch, vor allem auch dann, wenn es sich beim Fahrzeug um eine Version mit Scheibenrädern und hinteren Radabdeckungen (Spats) handelt, die die Linienführung noch besser wirken lassen.

Jaguar XK 120 (1952)
Jaguar XK 120 (1952) - mit Spats und Scheibenrädern © Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Der Einstieg will ein wenig geübt werden, denn das riesige Lenkrad und das relativ kurze Cockpit nötigen zu einer gewissen Grundgeschicklichkeit. Einmal im Sitz angelangt hat man das Lenkrad nahe an der Brust, die Distanz zu den Pedalen ist allerdings auch für normalgrosse Mitteleuropäer lang genug.

Jaguar XK 120 (1952)
Jaguar XK 120 (1952) - Hauptinstrumente über das Armaturenbrett verteilt © Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Noch einmal gleitet der Blick über die lange geschwungene Motorhaube, dann sucht man Zündschloss und Startknopf. Der Sechszylinder erwacht gut hörbar zum Leben und lässt an seiner Kraft nicht zweifeln.

Jaguar XK 120 (1952)
Jaguar XK 120 (1952) - klassischer Rennmotorenbau - zwei obenliegende Nockenwellen © Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Für ein über 60 Jahre altes Auto verfügt der XK 120 über einen sehr kurzen Schalthebel, die Gänge sind nach klassischem Muster angeordnet und lassen sich präzise schalten, wobei Zwischenkuppeln und Zwischengas die Arbeit der Zahnräder erleichtert.

Jaguar XK 120 (1952)
Jaguar XK 120 (1952) - man sieht aus dieser Perspektive gut, wie gross das Lenkrad war © Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Die Rundumsicht ist natürlich perfekt, der dünne Scheibenrahmen stört kaum und man findet mehr Windschutz hinter der zweiteiligen Scheibe als bei manchem Konkurrenten von damals. Natürlich ist man Wind und Wetter im offenen Wagen komplett ausgesetzt, daher empfehlen sich Lederkappe und -jacke für einen Genuss ohne Reue.

Man kann nachvollziehen, dass dieser Wagen damals eine Sensation war, denn auch heute noch überzeugen Motor-Elastizität und Leistungsfähigkeit, wenn man auch fahrwerks- und bremsenseitig sicherlich seither einige Fortschritte gemacht hat.

Jaguar XK 120 (1952)
Jaguar XK 120 (1952) - im Gegensatz zu vielen anderen Roadster aus der Zeit ist die Windschutzscheibe knapp hoch genug für grossgewachsene Fahrer © Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Hätten nicht andere Pflichten gerufen, wir würden wohl heute noch im Jaguar sitzen und die siebentägige Rekordfahrt von Leslie Johnson nachstellen wollen …


Leiter Werkstatt Guido Steigmeyer

Leiter Werkstatt

Guido Steigmeyer